Der Vogelmann

Einst lebte auf den Feldern Karnovias ein Bauer. Er war von kräftiger Statur und ruhigem Gemüt, seine Hände waren sanft und taten ihr Werk mit Bedacht. Bescheiden war er, und ohne Wünsche, denn das Leben hatte ihm ein schönes und ehrliches Weib beschert, und ihr Lachen war ihm mehr wert, als alles Gold der Welt. Sie liebte es ihm bei der Arbeit zuzusehen, beobachtete ihn von der Veranda ihres kleines Hauses aus und fütterte die Vögel des Waldes mit Körnern und Brot. Manchmal sah er zu ihr herüber wenn er seine Arbeit unterbrach, und sein Herz war voller Freude und seine Augen voller Liebe.

Doch sollte ihr Glück nicht von Ewigkeit sein, denn der Fürst bekam Kunde von jener schönen Frau und sandte seine Häscher aus, sie zu ihm zu bringen, dass er sie seinem Hofstaat hinzufügen könne. Doch als die Soldaten des Fürsten den Hof betraten, trat ihnen der Bauer entgegen und breitete die Hände aus. "Dies ist meine Frau, zieht weiter und sucht eine andere. Ich möchte keinen Ärger mit euch." Die Soldaten, die ihrem Fürsten treu bis in den Tod waren, erhoben ihre Waffen um den Bauern nieder zu strecken, doch dieser verteidigte sich tapfer und tötete einen Häscher nach dem anderen, bis nur noch ihr Anführer vor ihm stand und das Feld blutig war. Das Blut unzähliger Schnitte tropfte vor dem Bauern auf den Boden, doch seine Liebe verlieh ihm Kraft und machte ihn furchtlos. Und so drehte sich der Anführer um und ging zurück zu seinem Fürsten, um ihm von dem Mut des Bauern zu berichten, und seine Frau sorgte und pflegte ihn, auf das er schnell genese.

Eines Abends, als die Sonne hinter den Wipfeln der Bäume verschwunden war, näherten sich Reiter der kleinen Hütte und wiederum trat ihnen der Bauer furchtlos entgegen. Seine Wunden waren verschlossen und in seinen Augen lag Entschlossenheit. Doch zwischen den Reihen der Soldaten trat der Fürst selbst hervor und verneigte sich spöttisch vor dem Bauern. "Ich habe dir einen Handel anzubieten ... ich habe gesehen wie du kämpfst, und ich habe gesehen wie du tötest. Werde mein Streiter, und ich will deinem Weib das Leben lassen."

Der Bauer zögerte und sah zu seinem Weib, und ihre Augen waren voller Liebe und Zuversicht. Doch er liebte sein Leben, aber er liebte seine Frau noch mehr, und so stimmte er dem Handel zu. Und der Fürst lächelte und nahm in mit sich, und die Frau blieb alleine an der Hütte zurück, und nur die Vögel blieben ihr zum Trost.

Und so schwang der Bauer seine Sense für den Fürsten, und wo der Fürst ihn hinschickte, bekamen es die Menschen mit der Angst zu tun, und wo er hin trat, verdorrte das Korn und verdarb des Getreide. Wohin er auch ging, verfolgten ihn die Vögel und sangen für ihn. Sie waren ohne Furcht und wenn er ganz still stand, setzten sie sich auf seine Schultern und erzählten ihm von seiner Frau, und wie sehr sie ihn vermisste.

Doch der Fürst hielt sich nicht lange an seinen Handel und so holte er eines Nachts sein Weib. Gleich am nächsten Tag blieben die Vögel aus, und der Bauer eilte zu seinem alten Haus. Er fand es leer vor, die Tür im Wind schwingend und das Bett verwaist. Wütend ging er zum Fürsten und verlangte, dass dieser sich an seinen Handel hielte. Und der Fürst sprach: "Ich will euch eure Frau schicken, wenn die Nacht anbricht. Ihr sollt sehen, dass ich zu meinem Wort stehe."

Und der Bauer nickte und verließ das Schloss. Seine Schritte führten ihn zielstrebig zu seiner alten Hütte im Wald, wo er sich nieder ließ, die Sense anlehnte und wartete. Und als es dunkel wurde, erschien aus dem Wald eine Gestalt in weiße Tücher gehüllt, das Haar offen und barfuß. Er erhob sich, trat ihr entgegen, doch dann erstarrte er. Was ihm entgegen trat, war kein Mensch mehr, nur die Hülle seiner Frau, mit einem blutigen Lächeln im Gesicht und Fingernägeln so lang, dass sie beinahe den Boden berührten. Unfähig sich zu regen starrte er sie an, bis sie an ihn heran trat und ihre Fingernägel über seine Brust strichen. Er konnte spüren wie jede Kraft aus seinem Körper floss. Wie gebannt starrte er ihr in die Augen, die voller Kummer waren. Tiefer und tiefer grub sie ihre Finger in seine Brust. "Vergib mir ... es ist ... der Hunger" flüsterte sie leise und öffnete ihren Mund, der voller spitzer Zähne war.

Ein Rotkehlchen, landete auf seiner Schulter. Ein Spatz, eine Drossel. Ein Rabe rief seinen warnenden Ruf über ihm, und im nächsten Moment riss er sich von ihr los. Sie fauchte und breitete ihre Nägel wie Krallen aus, bereit sich auf ihn zu stürzen, doch kamen immer mehr Vögel und umringten sie, bis die Sense wieder in seinen Händen ruhte. So standen sie sich gegenüber, und ihre Augen waren voller Sehnsucht. "Vergib mir ... " sprach sie, dann warf sie sich auf ihn und er trennte ihr mit einem einzelnen Schlag mit der Sense den Kopf von den Schultern.

Dann fiel der Mann auf die Knie und beschloss zu sterben, und die Vögel umringten ihn und sangen traurig für ihn und seine Geliebte. Doch sein Dienst für den Fürsten hatte seinen Preis und so steht tief im dunklen Wald von Karnovia bis heute ein Haus, durch das der Wind pfeift und der Regen tropft. Dort haust er noch immer, mit verfilztem Haar und dichtem Bart, und kalten Augen so weiß wie der Schnee. Seine Fingernägel sind spröde, seine Haut von der Sonne verbrannt und voller Narben. Nachts, wenn der kalte Regen durch das Dach tropft, sitzt er auf einem Schaukelstuhl, regungslos, und starrt hinaus in die Dunkelheit. Und jeden Morgen kommen die Vögel und singen für ihn, sitzen auf seiner Schulter und erzählen ihm von der Liebe seiner Frau.